28.11.2023

Wenn die Medikamente knapp werden …

Leere Regale in Apotheken lassen Patient:innen ratlos und manchmal auch schockiert zurück. Die Engpässe in der Medikamentenversorgung haben stark zugenommen. Und ein zeitnahes Ende des Problems ist nicht in Sicht. In diesem Spotlight geht Nico Amiri den Fragen nach, weshalb es zu Arzneimittelknappheiten kommt und was die Politik dagegen zu tun vermag.

Nach Angaben des Europäischen Parlaments (EP) hat sich die Zahl der Medikamentenlieferengpässe zwischen 2000 und 2018 verzwanzigfacht. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) wurden bis bislang etwa 500 Lieferengpässe gemeldet (Stand: November 2023) – doppelt so viele wie das Jahr zuvor. Nach einer Infektionswelle unter Kindern im vergangenen Jahr gab es beispielsweise Lieferschwierigkeiten bei fiebersenkenden Medikamenten. Auch Fluoxetin, das als einziges für Kinder und Jugendliche zugelassene Antidepressivum, konnte dieses Jahr für Monate nicht geliefert werden.

Wie kommt es zu Lieferengpässen bei Medikamenten?

Bei der Herstellung von Medikamenten bedarf es eines viel- und kleinteiligen Prozesses an vielen Orten weltweit. Durch die Auslagerung von Arzneimittelproduktion in andere Länder, oft in Asien, sind internationale Lieferketten dementsprechend von einer Mehrzahl an Faktoren abhängig. Werden Wirkstoffe also beispielsweise in China und Indien verarbeitet und für die Verpackung erst in die EU transportiert, so ist der Weg des späteren Medikaments einer, bei dem Probleme in Teilen der globalen Lieferkette einen Dominoeffekt auslösen können, – und diese Produktions- und/oder Lieferengpässe sind dann ohne weiteres nicht durch deutsche oder andere europäische Pharmaunternehmen zu kompensieren. Auch Rabattverträge der Krankenkassen tragen dazu bei, dass teilweise Produktionen in Europa eingestellt wurden – und die Arzneimittel stattdessen billiger bezogen werden.

Was ist ein Rabattvertrag?

 Eine Vereinbarung von gesetzlichen Krankenkassen mit Pharmaunternehmen wird als Rabattvertrag bezeichnet, wenn diese einen Preisnachlass auf Arzneimittel vorsieht. Ein Rabattvertrag ist nicht-öffentlich und über einen vereinbarten Zeitraum hinweg gültig.

Es gibt daneben aber auch weitere Gründe, weshalb Medikamente entweder nicht mehr selbst hergestellt werden oder warum es zu Lieferengpässen kommt: davon seien hier einige genannt: Nach Auslaufen von Patenten dürfen günstigere Generika hergestellt werden – auch das senkt die Anreize bei den Original-Herstellern, diese weiterhin zu produzieren, da sie im Vergleich zu den Generika teurer sind.  Darüber hinaus können auch Verunreinigungen im Herstellungsprozess von Medikamenten für Produktionsstopps und damit verbundene Arzneimittelknappheiten sorgen. Wenn dann aufgrund von Rabattverträgen nicht auf andere Hersteller zurückgegriffen werden kann, bleiben die Regale in den Apotheken leer. Jetzt, wo lange bekannt ist, dass Probleme existieren, müssten Verantwortliche in der Politik doch handeln, oder?

Was tun die Gesetzgebenden in Berlin und Brüssel?

Mit einem Gesetzesbeschluss des Bundestags im Juni dieses Jahres möchte die Bundesregierung den Produktions- und Lieferengpässen bei Arzneimitteln entgegenwirken. Das sogenannte Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) soll die Medikamentenversorgung in Deutschland mit einer Vielzahl von Änderungen in verschiedenen Bereichen verbessern. Vorgesehen ist unter anderem ein Sicherheitspuffer von sechs Monaten für alle Medikamente mit Rabattverträgen bei den Krankenkassen. Weiterhin soll ein beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angelegtes Frühwarnsystem eingerichtet werden, um rechtzeitig reagieren zu können. Im September stellte Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD), gemeinsam mit Vertretenden aus der Ärzt:innen- und Apother:innenschaft sowie der Pharmaindustrie, einen 5-Punkte-Plan gegen Lieferengpässe vor; besonders vom Arzneimittelengpass betroffenen Kindern und Jugendlichen soll mit erhöhten Vorratskapazitäten geholfen werden.

Auch auf europäischer Ebene haben sich die Entscheidungsträger:innen des Problems wieder angenommen. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides (EPP) stellte in der EP-Debatte im Oktober dieses Jahres ein Maßnahmenpaket vor, das bei der Beseitigung und Prävention von Medikamentenlieferengpässen helfen soll. Bereits in diesem Winter sollen, laut dem Vorschlag der Kommissarin, Antibiotika und weitere Medikamente von der EU gemeinsam geschafft werden – so wie es bei den Impfstoffbestellungen während der Pandemie bereits der Fall war. Auch soll ein freiwilliger Solidaritätsmechanismus in der EU dafür sorgen, willigen Mitgliedsstaaten die Möglichkeit zu öffnen, besonders stark betroffenen EU-Partnern Medikamente bereitzustellen, sofern eigene Kapazitäten dies zulassen. Langfristig solle Europa durch eine verstärkte heimische Medikamentenherstellung autonomer werden. Schon 2024 könne dem Mangel auch durch industriepolitische Maßnahmen entgegengewirkt werden.

Eine Alternative zu den Lieferengpässen

Damit Medikamente gar nicht erst knapp werden, müssen die beschlossenen und angekündigten Maßnahmen schnell umgesetzt werden, und die Effektivität derselben sollten die Behörden genau untersuchen.

tl;dr – In Kürze:

  • Medikamentenengpässe haben stark zugenommen.
  • Heimische Pharmaunternehmen können Produktions- und Lieferausfälle in der globalen Lieferkette nicht ausreichend kompensieren.
  • Entscheidungsträger:innen auf nationaler und europäischer Ebene planen, Arzneimittelengpässen mit verschiedenen Maßnahmen entgegenzuwirken.

Weiterführende Literatur:

  • Aktuelles – Europäisches Parlament (2020) Medikamentenengpässe in der EU: Ursachen und Lösungen. Abgerufen von: LINK

  • Deutscher Bundestag (2023) Gesundheit: Bundestag stimmt für Frühwarnsystem gegen Medikamentenmangel. Abgerufen von: LINK

  • März, S. (2023) „Damit löschen wir nur einzelne Feuerherde, nicht den Flächenbrand“. Spektrum.de. Abgerufen von: LINK

  • Müller, A. (2023) Kein Retax und Austau sch wird erleichtert. Pharmazeutische Zeitung. Abgerufen von: LINK

  • Sage, C. (2023) Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Darum ist der Medikamentenmangel so schwer zu lösen. Quarks. Abgerufen von: LINK

  • Schmid, K. (2023) Was die EU gegen Medikamentenmangel plant. Tagesschau. Abgerufen von: LINK

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