23.08.2023

Welche Folgen die Freigabe von Cannabis haben könnte

Die geplante Teillegalisierung von Cannabis könnte bald Realität werden. Welche Gründe dafür und dagegen sprechen – und wie das Thema Gesundheit im Zentrum der Debatte steht –, erläutert dieses Spotlight. Insbesondere der Jugendschutz ist ein umstrittenes Thema.

Vergangenen Mittwoch beschloss das Bundeskabinett den Gesetzesentwurf zur Teillegalisierung von Cannabis. Der Entwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) ist eine 180-Grad-Wende in der deutschen Drogenpolitik: Bislang fällt der Besitz von Cannabis nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) – § 29 Abs. 1 BtMG – unter Strafe. Sollte die Gesetzesvorlage vom Bundestag beschlossen werden, würden Personen ab 18 Jahren künftig 25 Gramm Cannabis besitzen dürfen. Freiverkäuflich, wie ursprünglich geplant, wird die Droge (vorerst) nicht sein. Bislang ist die Abgabe über sogenannte Cannabisvereine geplant.

Die Debatte um die Legalisierung ist nicht neu, doch wird sie seit dem Amtsantritt der Ampelkoalition aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der FDP verstärkt geführt – und das hochemotional. Befürworter erhoffen sich einen kontrollierten Rahmen für den Gebrauch des Genussmittel, wie sie dieses betrachten, Kritiker sehen Gefahren für Konsumierende, besonders die jüngeren unter ihnen.

Das Für …

Eine teilweise oder vollständige Cannabislegalisierung könnte eine Möglichkeit sein, die gesundheitlichen Auswirkungen des Konsums direkter zu thematisieren und ihnen entgegenzuwirken. Einmal aus der Tabuzone heraus, würde eine gezielte gesundheitliche Aufklärung stattfinden können – Wissen ist schließlich oftmals die beste Prävention. Gleichzeitig ist die Kehrtwende in der Drogenpolitik mit der Hoffnung verbunden, den Schwarzmarkt und damit verbundene zusätzliche Gesundheitsrisiken zu verhindern. Mit gesetzlichen Vorgaben zu Sorte, Reinheit, THC-Gehalt und weiteren Aspekten könnten Risiken reduziert werden.

… und Wider

Besonders Jugendliche sind dem Risiko von Schädigungen ausgesetzt: Da die Hirnentwicklung bis ins Alter von 25 Jahren dauern kann, kann regelmäßiger Cannabiskonsum sich fatal auswirken. Eine europäische Studie lässt die Schlussfolgerung zu, dass Veränderungen gerade die Hirnregion betreffen, die für Impulskontrolle zuständig ist. Diese Erkenntnis aus der Neurowissenschaft hat wohl auch bei der Regelung für Unter-21-Jährige Anwendung gefunden: Maximal 30 Gramm sowie höchstens zehn Prozent THC-Gehalt – THC ist die psychoaktive Substanz – wären in dieser Altersgruppe erlaubt.

 

Was ist eine Psychose?

Bei einem veränderten Gemütszustand mit einem (temporär) gestörten Realitätsbezug, wird von einer Psychose gesprochen. Es kann zu Beeinträchtigung der Sinneswahrnehmungen und des Denkens kommen.

Erwartungen im Gesundheitswesen

Aufgrund von zwei weiteren Studien, die europaweit durchgeführt wurden, ist anzunehmen, dass der Inhaltsstoff THC das Risiko für Psychosen steigern könnte: Würde die Grenzen von 10 Prozent THC überstiegen, würde sich die Häufigkeit des Auftretens von Psychosen verfünffachen. Unterhalb der Grenze, so die Annahme, käme es dreimal so häufig zu Psychosen bei Konsumierenden. Eine vom BMG in Auftrag gegebene Studie aus diesem Jahr, die Auswirkungen der Cannabisfreigaben in anderen Ländern analysiert hat, kam dagegen zu einem anderen Schluss: Ein Anstieg von diagnostizierten Psychosen sei kurzfristig nicht zu beobachten. Jedoch hätten cannabisbezogene medizinische Probleme bei Erwachsenen eine geringe Zunahme von Notaufnahmen verursacht, genauso wie ein leicht erhöhte Zahl an Verkehrsunfällen. Das Verkehrsministerium hat bereits die Vorbereitung gesetzlicher Anpassungen angekündigt.

Es braucht weitere Studien, um die Folgen des Cannabiskonsums und der Teillegalisierung für die Bevölkerung und insbesondere auch das Gesundheitswesen zu beobachten. Das bisherige Verbot hat nicht dafür gesorgt, dass der Konsum von Cannabis ausblieb. Eine schrittweise Freigabe von Cannabis und damit verbunden dessen Entkriminalisierung bleibt wissenschaftlich wie politisch ein umstrittenes Thema. Verbunden mit konsequentem Jugendschutz und Werbeverboten können die Gefahren des Konsums zumindest eingeschränkt werden.

tl;dr – In Kürze:

  • Die geplante Teillegalisierung von Cannabis steht für eine Kehrtwende in der deutschen Drogenpolitik.
  • Befürworter und Gegner führen eine hochemotionale Debatte. Wissenschaftliche Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
  • Der Gehalt des psychoaktiven THCs stellt einen wichtigen Fokus dar, besonders bei jüngeren Menschen nach der Volljährigkeit.

Weiterführende Literatur:

  • Di Forti, M., Quattrone, D., Freeman, T.P., Tripoli, G., Gayer-Anderson, C., Quigley, H., Rodriguez, V., Jongsma, H.E., Ferraro, L., La Cascia, C., La Barbera, D., Tarricone, I., Berardi, D., Szöke, A., Arango, C., Tortelli, A., Velthorst, E., Bernardo, M., Del-Ben, C.M., Menezes, P.R., Selten, J.-P., Jones, P.B., Kirkbride, J.B., Rutten, B.Pf., de Haan, L., Sham, P.C., van Os, J., Lewis, C.M., Lynskey, M., Morgan, C. and Murray, R.M., EU-GEI WP2 Group (2019). The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): a multicentre case-control study. Lancet Psychiatry. Abgerufen von: LINK

  • Simon, V., Weidt, E., Till, U. (2023) Cannabis legalisieren – PRO und CONTRA aus wissenschaftlicher Sicht. Abgerufen von: LINK

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