02.08.2023

Was die Pandemie mit der mentalen Gesundheit junger Menschen gemacht hat

Die 20er-Jahre begannen alles andere als golden – vom Oster-Lockdown 2020 bis heute hinterließ die Coronapandemie ihre Spuren  – ganz besonders bei jungen Menschen. Viele Studien weisen darauf hin, dass die Zahl an Kindern und Jugendlichen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, zugenommen hat. Und leider wächst das Angebot an Therapieplätzen nicht mit der Nachfrage.

Enorme Belastungen für Heranwachsende

Infolge der mehrere Jahre andauernden Pandemie haben sich bei jungen Menschen Angststörungen und Depressionen sowie Schlaf- und Essstörungen entwickelt. Besonders auch stellte das Social Distancing – eine Folge aus den Maßnahmen zur Kontaktreduktion – einen großen Belastungsfaktor für die mentale Gesundheit junger Menschen dar. Forschende eines Konsortiums der Universität Hamburg und Ulm erwarten ökonomische und pandemiebedingte Folgekosten durch die genannten mentalen Erkrankungen in Höhe von etwa drei bis fünfeinhalb Milliarden Euro – und das pro Jahr.

In der COPSY-Langzeitstudie wurden etwa 2.500 junge Menschen zu ihrer Lebensqualität befragt. Vor der Pandemie gaben 15 Prozent eine niedrige Lebensqualität an. In der ersten Welle an SARS-CoV2-Infektionen mit den einhergehenden Abstandsregelungen und Schulschließungen stieg der Anteil auf über 40 Prozent und in der zweiten Welle auf etwa 48 Prozent (siehe Abbildung). Etwas mehr als 70 Prozent der Kinder- und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren fühlten sich „mindestens etwas gestresst“; in der zweiten Welle stieg der Anteil ebenfalls weiter an und lag bei 83 Prozent.

Angebot und Nachfrage gehen weit auseinander

Zwar nahm der Bedarf an Psychotherapieplätzen gerade bei Kindern und Jugendlichen infolge der Pandemie zu, jedoch wurde das Angebot nicht entsprechend ausgeweitet. Laut einem Forschungsteam der Universitäten Koblenz-Landau und Leipzig kam es sogar zu doppelt so langen Wartezeiten für Erstgespräche wie vor der Pandemie?: 10 Wochen. Bis zu dem Beginn einer Therapie verging fast ein halbes Jahr.

Das ist umso verwunderlicher, als sowohl die Zahl der Absolvierenden aus einem Psychologiestudium und einer Psychotherapieausbildung gestiegen ist. Nur kann längst nicht jede:r Absolvent:in sich mit einen „Kassensitz“ niederlassen. Dies ist aber grundlegend für die Übernahme von Therapiekosten vonseiten der Krankenkasse. Um dies zu ändern, bräuchte es eine neue Bedarfsplanung. Darüber entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Gremium in der gemeinsamen Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitssystems.

Was meint Bedarfsplanung?

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat den gesetzlichen Auftrag einer bundeseinheitlichen Planung von Niederlassungsmöglichkeiten für Ärzt:innen und auch Psychotherapeut:innen. Ziel der Planung ist die bundesweite Gewährleistung eines bedarfsgerechten Zugangs von gesetzlich Versicherten zu ambulanter Versorgung.

 

Ein eigens in Auftrag gegebenes Gutachten für den Bedarf an Therapieplätze für alle Altersgruppen konstatierte eine Notwendigkeit der Neuschaffung von 2.400 neuen Kassenzulassungen. In der im Mai 2019 verabschiedeten Reform der Bedarfsplanung allerdings wurde allerdings lediglich 776 neue Kassensitze beschlossen. Da von diesen nur ein vergleichsweise kleiner Anteil auf neue Sitze für Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen entfällt, wird sich das auch in Zukunft auf die Versorgung der jüngsten durch die Pandemie belasteten Bevölkerungsschicht auswirken.

tl;dr – In Kürze:

  • Die Pandemie hat die mentale Gesundheit vieler Kinder und Jugendlicher außergewöhnlich stark belastet.
  • Die Wartezeiten für Erstgespräch und Therapieplatz haben sich verdoppelt.
  • Der Bedarf an Psychotherapieplätzen hat zugenommen, die Zahl neuer Kassensitze allerdings nicht.

Weiterführende Literatur:

  • Clemens, I., Fegert, J.,  Gossmann, E., Jud, A., Lange, S., Wild. E.-M., Ress, V. (2023). Analyse und Quantifizierung der gesellschaftlichen Kosten psychosozialer Belastungen von Kindern und Jugendlichen durch die COVID-19 Pandemie. Abgerufen von: LINK

  • In-Albon, T., Moldt, K., Plötner, M. (2022). Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die ambulante psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Psychotherapie. Abgerufen von: LINK

  • Ravens-Sieberer, U., Devine, J., Napp, A.-K., Kaman, A., Saftig, L., Gilbert, M., Reiß, F., Löffler, C., Simon, A.M., Hurrelmann, K., Walper, S., Schlack, R., Hölling, H., Wieler, L.H. and Erhart, M. (2023). Mental Health of Children and Adolescents in Germany During the COVID-19 Pandemic: Results of the COPSY Study Waves 4 and 52. Frontiers in Public Health. Abgerufen von: LINK

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