06.09.2023

Ist die 4-Tage-Woche die Zukunft der Pflege?

Nach positiven Ergebnissen von Pilotprojekten in Großbritannien hat die Diskussion um eine 4-Tage-Woche wieder an Fahrt aufgenommen. Eine gesellschaftliche Mehrheit unterstützt die Ideen für neue Arbeitszeitmodelle, doch wie realistisch ist der Paradigmenwechsel in Branchen wie der Pflege?

Eine breit angelegte Studie in Großbritannien testete den Einfluss der 4-Tage-Woche auf das Wohlbefinden und die Produktivität der 2.900 Mitarbeitenden in 61 Unternehmen. Der 100-80-100-Grundgedanke des Experiments über sechs Monate war folgender: 100 Prozent der üblichen Arbeit in 80 Prozent der regulären Wochenarbeitszeit (etwa 40 Stunden) bei vollem Lohnausgleich. Nicht nur verzeichneten die meisten dieser Unternehmen eine Beibehaltung der Arbeitsleistung, sondern auch eine Steigerung der Produktivität konnte mancherorts beobachtet werden.

Weniger Krankmeldungen

Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen der Feldstudie hatte die Arbeitszeitverkürzung einen erstaunlichen Effekt auf die gemeldeten Krankheitstage: Diese gingen um etwa zwei Drittel zurück. Und die Anzahl der Kündigungen war ebenfalls signifikant rückläufig; 57 Prozent weniger Angestellte verließen die Betriebe. Und bei 40 Prozent hatte das Experiment  der Arbeitszeitverkürzung einen stressmindernden Effekt zur Folge.

Unter den beteiligten Unternehmen waren ebenfalls Akteure aus dem britischen Gesundheitswesen, doch sind die Ergebnisse nicht nach Branchen aufgeteilt worden. Eine wiederkehrende Frage in der Debatte um die 4-Tage-Woche betrifft die Umsetzbarkeit, insbesondere der Pflege. Ist ein neues Arbeitszeitmodell wie dieses auch dort machbar?

Theorie und Praxis

Am Klinikum Bielefeld startete im Juli ein Pilotprojekt in der Pflege auf einer Station. Zu einer Arbeitszeitkürzung kommt es im Zug des Experiments nicht: Die Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden wird auf vier Tage aufgeteilt – mit Schichten im Früh-, Spät- und Nachtdienst von jeweils neun Stunden.

4-Tage-Woche ≠ 4-Tage-Woche

Nicht jedes Arbeitszeitmodell gleicht dem anderen. Eine 4-Tage-Woche kann
1. gleiche Arbeit bei gleichem Lohn,
2. weniger Arbeit bei weniger Lohn,
oder 3. weniger Arbeit bei Lohnausgleich
bedeuten.
Bislang besteht kein rechtlicher Anspruch auf eine 4-Tage-Woche bei Vollzeitstellen.

Die Hoffnung der Pflegeleitung und anderer Befürworter ist, dass der Beruf der Pflegekraft durch ein neues Verhältnis von Arbeitstagen zu arbeitsfreien Tagen wieder attraktiver wird. Ein freier Tag mehr in der Woche kann als positiver Anreiz dienen. Pflegekräfte, so eine Überlegung, die bislang in Teilzeit vier Tage die Woche arbeiten, könnten mit einem höheren Arbeitspensum pro Tag die gleiche Zahl an freien Tagen erhalten, aber mehr verdienen. Mit einer Teilzeitquote von 65 Prozent liegt die Pflege über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Zwar steigt die Anzahl der Beschäftigten in Pflegediensten von Jahr zu Jahr, doch nimmt auch die Zahl pflegebedürftiger Menschen stark zu. Der Fachkräftemangel wird sich verschärfen. Und der Pflegeberuf soll insgesamt ansprechender gestaltet werden.

In einem weiteren Modellversuch testet das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Sangershausen nach einer Tarifeinigung mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di eine 36-Stunden-Woche. Bei einer 5-Tage-Woche gibt es zum 1. Januar 2024 also eine kürzere Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Pilotprojekte wie diese werden zeigen müssen, ob die Vorteile in der Theorie sich auch in die Praxis übertragen lassen.

Schöne neue Arbeitswelt

Die körperliche und mentale Arbeitsbelastung in der Pflege ist, nach einem Bericht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), gleichbleibend hoch. Viele Befragte teilten aber auch den Eindruck, dass die Arbeitsmenge über die vergangenen Jahre gestiegen ist. Für die Aufgaben der Dokumentation fallen, nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, 13 Prozent der gesamten Arbeitszeit an. In der digitalen Pflegedokumentation sieht der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg e. V.) daher Chancen.

Die Arbeitswelt im Gesundheitswesen wird sich hinsichtlich der Wochenarbeitszeit nicht von heute auf morgen verändern. Und ob die Arbeit, verteilt auf vier Tage, zu einer signifikanten Entlastung beitragen kann, werden Feldexperimente wie die genannten und weitere zeigen müssen. Die Erprobung neuer Arbeitszeitmodelle kann jedoch im Wettbewerb um attraktive Arbeitsbedingungen Vorzüge für (neue) Pflegekräfte und die Pflege als Ganzes haben.

tl;dr – In Kürze:

  • In einer breit angelegten Studie in Großbritannien verzeichnet die 4-Tage-Woche positive Ergebnisse, u. a. weniger Krankmeldungen und Kündigungen. 
  • Pilotprojekte in Deutschland testen derzeit Modelle einer verkürzten Arbeitswoche in der Pflege.
  • Durch den Fachkräftemangel muss auch der Pflegeberuf ansprechender gestaltet werden.

Weiterführende Literatur:

  • Klinikum Bielefeld (2023). Pilotprojekt 4-Tage-Woche. Abgerufen von: LINK

  • Prössl, C. (2023) Tagesschau. Weniger Fehltage durch Vier-Tage-Woche. Abgerufen von: LINK 

  • Voigt, C. (2023) MDR aktuell. Vier-Tage-Woche in der Pflege bislang kaum ein Thema. Abgerufen von: LINK

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