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Peter Laaks

Redaktion

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Interview

Prof. Dr. Christoph Straub über Transparenz im Gesundheitswesen

Christoph Straub

Prof Dr. Christoph Straub | Vorstandsvorsitzender BARMER | LinkedIn | Foto: BARMER

Prof. Dr. Christoph Straub ist seit dem Jahr 2011 Vorsitzender des Vorstands der BARMER und seit dem Jahr 2016 Honorarprofessor an der Universität Bayreuth. Im Februar 2024 ist das von ihm herausgegebene Buch „Transparenz im Gesundheitswesen“ erschienen. Es beleuchtet das Ziel größerer Transparenz von verschiedenen Seiten und befasst sich mit den Ursachen von Intransparenz und mit deren Folgen: mangelnde Effizienz und Qualität, Risiken für die Patientensicherheit und Überforderung.

Johanna Gellert: Herr Professor Straub, Sie gestalten das Gesundheitswesen seit vielen Jahren mit. Die Medienberichterstattung erweckt den Eindruck, dass die strukturellen Probleme immer schlimmer werden, gar unlösbar scheinen: stockende Digitalisierung, marode Krankenhäuser, Defizite beim Gesundheitsfonds in Milliardenhöhe. Wie geht es dem deutschen Gesundheitswesen?

Christoph Straub: Die Gesundheitsversorgung in Deutschland ist nach wie vor sehr gut. Aber wir kämpfen auch mit großen Herausforderungen. Unser Gesundheitswesen hinkt beim Thema Digitalisierung im Vergleich mit anderen hochentwickelten Ländern weiter hinterher. Doch wesentliche Weichenstellungen sind mittlerweile gelungen. Die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung läuft und das elektronische Rezept ist flächendeckend eingeführt. Alle gesetzlichen Krankenkassen bieten bereits seit dem Jahr 2021 eine elektronische Patientenakte an. Ab dem Jahr 2025 wird der Zugang für Versicherte noch einmal wesentlich vereinfacht.

„Gut informierte Patientinnen und Patienten, die mündige Entscheidungen treffen, sind ein richtiges und wichtiges Ziel“

Also alles halb so wild und die Berichterstattung dramatisiert nur übermäßig?

Nein, die kritischen Berichte sind berechtigt. Schauen wir auf den Krankenhaussektor. Es gibt Kliniken, die herausragende Spitzenmedizin anbieten. Aber wir haben in der Breite einen gravierenden Investitionsrückstand, weil die zuständigen Bundesländer ihren gesetzlichen Verpflichtungen seit Jahrzehnten nicht nachkommen. Teilweise werden deshalb Mittel, die eigentlich für die Versorgung der Patientinnen und Patienten gedacht sind, notgedrungen für den Erhalt der Infrastruktur zweckentfremdet. Und zu oft werden Leistungen angeboten und Operationen durchgeführt, für die bestimmte Häuser nicht ausreichend qualifiziert sind. Die Folge sind vermeidbare Komplikationen und eine ineffiziente Verwendung der Ressourcen. Und dann sind da die Milliardendefizite beim Gesundheitsfonds. Jedes Jahr stellt sich erneut die Frage, wie sich die Lücke zwischen den Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung und den Ausgaben noch schließen lässt. Dieses Defizit ist strukturell, und es wird von Jahr zu Jahr größer. Zum Teil liegt das an den eben beschriebenen Problemen im Krankenhaussektor, aber es kommen weitere Faktoren dazu. Gerade habe ich als Herausgeber ein Fachbuch über Transparenz im Gesundheitswesen veröffentlicht. Darin zeigen zahlreiche namhafte Autorinnen und Autoren auf, wie intransparent unser hochkomplexes Gesundheitswesen an vielen Stellen ist und wie diese Intransparenz zu Qualitätsproblemen und eben auch zu mangelnder Effizienz führt. Die Gesundheitsversorgung in Deutschland ist sehr gut, aber sie ist im internationalen Vergleich leider auch sehr ineffizient. Wir geben wesentlich mehr Geld als viele andere Industrieländer aus, aber erzielen damit keine besseren Resultate.

Johanna Gellert

Johanna Gellert | Senior Marketing Managerin MWV | LinkedIn | Foto: MWV

Wie äußert sich die von Ihnen angesprochene Intransparenz und was ist die Ursache?

Für Patientinnen und Patienten erscheint das Gesundheitswesen oft undurchsichtig, die Komplexität überfordert und verunsichert. Diagnosen sind mitunter schwer verständlich, die Folgen für das weitere Leben schwer einzuschätzen. Und bei wichtigen Entscheidungen – etwa für oder gegen eine Operation – fehlt Orientierung. Immer lässt sich das auch nicht vollständig auflösen, denn oft geht es um spezialisiertes Fach- und Erfahrungswissen, das sich auch mit Suchmaschinen, Wikipedia und Gesundheits-Apps nicht ersetzen lässt. Umso wichtiger ist es, dass Ärztinnen und Ärzte Diagnosen und Therapieoptionen verständlich erklären und Entscheidungen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten treffen. Technologie kann zusätzlich unterstützen, etwa durch Apps, die in die Therapie integriert Hintergrundwissen vermitteln und die Therapietreue stärken. Die sprechende Medizin kommt aber oft noch zu kurz.

Wie kann es aus Ihrer Sicht gelingen, das Gesundheitssystem insgesamt transparenter zu gestalten, um die Versorgungsqualität und Effizienz zu verbessern?

Wir verschenken in Deutschland heute enormes Potenzial für eine bessere Versorgung, indem wir vorhandene Daten kaum strukturiert nutzen. Hier sind jetzt aber wesentliche Grundlagen gelegt worden. Im Gesundheitsdatennutzungsgesetz ist nun endlich klar geregelt, wie Gesundheitsdaten für die Versorgung und die individuelle Therapieplanung genutzt werden dürfen. Um das Potenzial an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wir haben in einem Modellprojekt zur Arzneimitteltherapiesicherheit nachgewiesen, dass bis zu 70.000 Todesfälle jedes Jahr vermieden werden können, wenn Hausarztpraxen Transparenz über die medizinische Vorgeschichte sowie alle Diagnosen und verordneten Medikamente ihrer Patientinnen und Patienten haben. Denn so lassen sich Wechselwirkungen und weitere Risiken in der Arzneimitteltherapie minimieren.

Und wie schätzen Sie die Auswirkungen des vor kurzem beschlossenen Krankenhaustransparenzgesetzes ein?

Das Ziel, für Patientinnen und Patienten mit Hilfe leicht verständlicher Informationen Transparenz über die Krankenhausbehandlung und die Qualität der stationären Versorgung zu schaffen, ist grundsätzlich sinnvoll. In dem Gesetz geht es aber nicht in erster Linie um besser informierte Patientinnen und Patienten, sondern um die Versorgungsqualität. Und ich halte es für fraglich, ob die Einführung eines Transparenzverzeichnisses mit reinem Informationscharakter zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgung beitragen kann. Dafür wären verbindliche Versorgungsstufen mit klaren und detaillierteren Qualitätsanforderungen notwendig, die auch als Basis für die Krankenhausplanung dienen. Damit könnten Krankenhäuser dann nur die Leistungen erbringen, für die sie personell und technisch ausgestattet sind. Dies wäre ein wichtiger Beitrag, um die Patientensicherheit zu verbessern und die begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen in der Versorgung zu bündeln.

Gut informierte Patientinnen und Patienten, die mündige Entscheidungen treffen, sind ein richtiges und wichtiges Ziel. Wir können die Verantwortung für die Versorgungsqualität aber nicht auf die Schultern der Versicherten verlagern nach dem Motto: Wenn alle Informationen verfügbar sind, dann wird sich die höchste Qualität ganz automatisch durchsetzen. Das funktioniert in einem so komplexen System nicht. Das Transparenzregister kann ein Element einer umfassenden Krankenhausreform sein. Aber diese Reform muss stattfinden und sie muss klare und verbindliche Standards definieren.

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