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Peter Laaks

Redaktion

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Deep Dive

Wie digitale Pflege Pflegebedürftige und deren Angehörige unterstützen kann

„Und täglich grüßt das Murmeltier?“ Dass Bürokratie und Intransparenz mit Kostentragenden Pflegebedürftige und Angehörige vor Herausforderungen stellen, hat sich über Jahrzehnte als fast schon hinzunehmender Aspekt bei der Pflege zu Hause eingestellt. „Und täglich grüßt das Murmeltier“, erwidern die Betroffenen mittlerweile fast stoisch. Trotz zunehmender digitaler Möglichkeiten durch beispielsweise den Einsatz von Videokommunikation bei Beratungsgesprächen oder digitale Servicestrecken in den Prozessabläufen der Kassen bei Gesundheitsthemen, regieren im Pflegebereich nach wie vor Papier, Post und eine sperrige Administration, Koordination und Kommunikation.

Mit Blick auf technologische und vernetzte Möglichkeiten im Jahr 2024 ist dies nicht nachvollziehbar. Erst recht nicht, wenn wir für eine steigende Pflegebedürftigenzahl von derzeit mehr als fünf Millionen Menschen eine gute Versorgung sicherstellen möchten. Die Angehörigen bilden dabei ein wichtiges Rückgrat, da knapp 80 Prozent der Pflegebedürftigen von Familienmitgliedern allein oder mit Unterstützung ambulanter Dienste täglich versorgt werden.

„Abhilfe können integrierte digitale Lösungen schaffen“

Hinschauen und die Betroffenen fragen

Eine kürzlich durchgeführte repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsunternehmen Civey im Auftrag des Spitzenverbandes Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) beleuchtet die Situation von Pflegebedürftigen und Angehörigen, insbesondere zu Beginn ihrer Pflegereise, genauer. Befragt wurden dafür 2.500 Menschen, die in den letzten 24 Monaten von einer Pflegesituation betroffen waren.

40 Prozent der Betroffenen geben an, dass es ihnen an Informationen und Beratung fehlt: zu Pflegeleistungen und der Organisation dieser bezogen auf ihre persönliche Situation. Darüber hinaus ist der hohe bürokratische Aufwand, insbesondere im Umgang mit Krankenkassen, für 60 Prozent der Befragten ein wesentlicher Belastungsfaktor. Der Besuch des Medizinischen Dienstes (MD) zur Pflegegradbeurteilung verursacht für knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) Stress; und für mehr als ein Drittel (39 Prozent) ist die Einstufung des Pflegegrades nicht nachvollziehbar. 35 Prozent geben an, dass sie zu lange auf die Einstufung warten müssen und sich somit zu lange in einer unklaren Situation befinden.

Digitale Lösungen als Booster für Schnelligkeit und Transparenz

Abhilfe können integrierte digitale Lösungen schaffen, die eine zügige Unterstützung sowie orts- und zeitunabhängige Information und Beratung sowie eine Begleitung über Pflegereise hinweg ermöglichen. Eine objektivere und schnellere Beurteilung des Pflegegrades, zum Beispiel durch Pflegegradrechner zur unterstützenden digitalen Einschätzung und Berechnung verschiedener pflegerischer Risiken, vor allem im Bereich Mobilität, wären heute schon möglich. Das würde nicht nur Betroffene entlasten, sondern auch die Fachkräfte, die die Beurteilungsvorgänge beim MD durchführen und als Ressource letztlich bei den Pflegediensten fehlen. Mehr als ein Viertel der Befragten (27 Prozent) geht davon aus, dass sich so Stress vermeiden lassen würde.

Julia Backhaus

Julia Backhaus | Co-Lead des Arbeitskreises DiPa/Digitale Pflege des SVDGV, CEO und Co-Founderin KEJ Digital Care Solutions I HealthCompanion | LinkedIn | Foto: privat

Digitale Pflegekompetenz aufbauen

Bürokratieabbau und Prozessbeschleunigung sehen 43 Prozent der Umfrageteilnehmer:innen insbesondere beim digitalen Dokumentenaustausch mit den Kassen und der digitalen Bereitstellung von Informationen (32 Prozent). Dass knapp ein Drittel der Befragten gar nicht weiß, welche digitale Tools in ihrer Situation helfen können, zeigt auch, dass es kaum Informationen und Aufklärung gibt, was bereits möglich ist. Neben einer Gesundheitskompetenz braucht es demnach auch die Förderung einer digitalen Pflegekompetenz. Es gilt, die Selbstsicherheit der Betroffenen im Umgang mit digitalen Tools zu stärken und ihnen Hilfestellung bei der Integration dieser in ihren Pflegealltag zu geben.

Goodbye Murmeltier!

Damit in der Pflege digitale Anwendungen unterstützen können, braucht es fördernde Rahmenbedingungen. Derzeit müssen neue Lösungen viele Hürden überspringen, wie bereits bei den Zulassungsvoraussetzungen für Digitale Pflegeanwendungen (DiPA) deutlich wurde. Bis heute steht daher keine DiPA für Pflegebedürftige zur Verfügung und es ist bisher nicht klar, ob überhaupt welche in großem Umfang kommen werden. Für die digitale Beratung braucht es zudem eine gleichwertige Vergütung wie für die Beratung vor Ort, denn digitale Beratung oder telepflegerische Komponenten haben die gleiche Qualität. Gleichzeitig sollte die Nutzung von KI und anderen technologischen Neuerungen bei der Pflegegradbegutachtung möglich werden. Das kann wertvolle Pflegefachkraftressourcen wieder in die Versorgung bringen und macht die Bewertung einer Pflegesituation objektiver.

„Digital“ in den Pflegealltag zu bringen und mit der pflegerischen Tätigkeit zu verzahnen, bietet eine enorme Chance für alle Beteiligten. Diese sollten wir nun endlich nutzen.

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Eine Antwort

  1. Vielen Dank für diese Umfrage! Sie bildet auf jeden Fall sehr gut die Spitze des Eisbergs ab.
    Weitere Punkte die betrachtet werden sollten, sind
    – Alter sowohl von Pflegebedürftigen als auch professionell und informell Pflegenden,
    – finanzielle Möglichkeiten der NutzerInnen,
    – Schnittstellenkompabilität
    – Netzabdeckung
    Wichtig ist es meiner Ansicht nach sowohl in Handlungsketten zu denken und zu planen als auch die Lebensrealität von NutzerInnen mit einzubeziehen.
    Und last but not least: Es gibt Angebote, die flächendeckend akzeptiert werden wie bspw. Alexa, Apple- und Google Gadgets u.a.
    Maßgeblich wichtig ist also wohl auch der Faktor: „….das möchte ich gerne haben…..“ 🙂

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