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Essentials

Peter Laaks

Redaktion

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Deep Dive

Prävention statt Kuration

Prävention hat leider in Deutschland nur einen marginalen Stellenwert, der Schwerpunkt liegt hauptsächlich auf Kuration. Unser Gesundheitswesen ist ein Krankheitswesen. Dies muss sich in unserer immer älter werdenden Gesellschaft dringend ändern. Die Krankenkassen, die besser Gesundheitskassen heißen sollten, haben als Flickenteppich hier und da einige Präventionsangebote im Programm, kommen aber beim Beitragszahler kaum an. Prävention, Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz – sind das die Gamechanger im Gesundheitswesen?

Fast 500 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben 2022 stehen nur knapp 5,8 Milliarden Euro für Ausgaben zur Gesundheitsförderung gegenüber, etwas mehr als ein Prozent! Im Nachbarland Österreich sind es immerhin fast fünf Prozent.

„Jede Erhöhung von Präventionsausgaben dürfte die Ausgaben für Kuration und Medikamente langfristig um ein Vielfaches verringern“

Um Krankheiten vorzubeugen und im Alter möglichst lange selbstständig zu bleiben , sind ausreichend Bewegung, eine ausgewogene und gesunde Ernährung, die Vermeidung von Übergewicht, regelmäßiges Muskeltraining und natürlich auch die Teilnahme an Früherkennungs- und Vorsorgeprogrammen unabdingbar. Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Typ 2, Herz-/Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Adipositas ließen sich zu einem großen Teil vermeiden.
Besonders auch der weltweit häufigsten Gelenkerkrankung, Arthrose, und sogar dem Krebs können präventiv entgegengewirkt werden.

Prävention hat viele Facetten

Eine Arthrose kann durch regelmäßige körperliche Aktivität und dauerhafte gezielte Kräftigung der gelenkumgebenden Muskulatur oft vermieden oder zumindest um viele Jahre hinausgezögert werden. Zur Prävention zählt es auch, eventuelle Gelenktraumata und -fehlstellungen, besonders in jungen Jahren, ernst zu nehmen und behandeln zu lassen, gegebenenfalls auch operativ. Andernfalls können sich daraus frühzeitige Arthrosen und Knorpelschäden bilden. Eine retrospektive Studie über einen Zeitraum von 30 Jahren zum medizinischen Krafttraining als Therapieoption bei 101.000 chronischen Rückenpatient:innen liefert hier beispielhaft eindeutige Ergebnisse, die auf andere Erkrankungen des Bewegungsapparates übertragbar sind. Eine weitere Studie prognostiziert eine Verfünffachung der Gelenkersatzoperationen bis zum Jahre 2060 voraus.

Alle reden von Kostensteigerungen und Fachkräftemangel in den nächsten Jahren. Operationen und Krankenhausaufenthalte werden in einigen Bereichen und besonders bei Arthroseerkrankungen dramatisch zunehmen.

Wie kann dieser auf uns zurollenden Tsunami verhindert oder zumindest abgeschwächt werden?

Folgende Schritte sind nötig, und zwar am besten gestern:

• Präventionsangebote mit Anreizen zu Sport, Bewegung und gesundem Lebensstil müssen massiv und flächendeckend ausgeweitet werden;
• Gesundheitskompetenz und Prävention müssen Schulfächer werden;
• Digitalisierung und Social Media müssen genutzt werden, um vor allen Dingen junge und noch gesunde Menschen zu erreichen.

Jede Erhöhung von Präventionsausgaben dürfte die Ausgaben für Kuration und Medikamente langfristig um ein Vielfaches verringern.

Peter Herrchen

Peter Herrchen | Gründer und Vorstand ArthroseKompetenzNetzwerk TEPFIT e.V. | LinkedIn | Foto: privat

Damit eine Präventionskampagne gelingt und alle Schichten der Bevölkerung erreicht werden, müssten

• Sportvereine
• Sportverbände
• Fitnessstudios
• Sämtliche Bildungseinrichtungen
• Krankenkassen
• alle Politikfelder
• Betriebe / Arbeitgeber
• Medizinische Versorger und
• Verantwortliche in der Nahrungs- und Genussmittelbranche
alle an einem Strang ziehen.

Zurück in die Zukunft

Statt minutenlanger Medikamentenwerbung im TV zur Primetime sollten Bewegungs- und Motivationsspots auf allen verfügbaren Verbreitungskanälen laufen – ähnlich der „Trimm-Dich-Bewegung“ der 70er und 80er Jahre. Diese hat nachweislich zur mehr Bewegung geführt und laut des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) über acht Millionen Menschen angeregt, sich sportlich zu betätigen. Nach Beendigung der Kampagne ist der Effekt naturgemäß verflacht.
Leider steht zu befürchten, dass es zu solch einer konzertierten Aktion (noch) nicht kommen wird. Erst wenn der ökonomische Druck zu groß wird und Eigenanteile für medizinische Behandlungen und Medikamente stark ansteigen, könnte ein echtes Umdenken stattfinden. Ob dabei allerdings die starke Pharma-Lobby mitspielt, darf bezweifelt werden.

Weitere Informationen:

  • Armbrüster, L., Hollmann, M., Jäger, K., Schifferdecker-Hoch, F., Uhlig, H. (2023) Eine retrospektive Studie über einen 30-jährigen Zeitraum von medizinischen Krafttraining als Therapieoption bei 101.000 chronischen Rückenpatienten. Bewegungstherapie & Gesundheitssport. Abgerufen von: LINK
  • Askew, N., Nherera, L., Roof, M., Rozell, J. C., Schwarzkopf, R., M. Seyler, T. M., Shichman, I. (2023) Projections and Epidemiology of Primary Hip and Knee Arthroplasty in Medicare Patients to 2040-2060. JBJS Open Access. Abgerufen von: LINK
  • Biesalski, H. K. (2022). Gesunde Ernährung und Lebensstil und ihre Bedeutung in der Prävention von Krebs. Okonologe 2022. Abgerufen von: LINK
  • DeStatis: Statistisches Bundesamt (2024) Gesundheit: Gesundheitsausgaben. Abgerufen von: LINK
  • DeStatis: Statistisches Bundesamt (2024) Gesundheitsausgaben: Gesundheitsausgaben nach Leistungsarten. Abgerufen von: LINK
  • DOSB (n. d.) Die Geschichte der „Trimm Dich“-Bewegung. Abgerufen von: LINK
  • Niethard, F. U. (2010) Stellungnahme vom 28.07.2010. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Abgerufen von: LINK

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