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Essentials

Peter Laaks

Redaktion

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Deep Dive

Diversitätsmedizin - Gerecht. Gefragt. Gebraucht.

Sebastian Paschen

Sebastian Paschen | Gründer acadim – Akademie für Diversitäts- und Individualmedizin | LinkedIn | Foto: Maria Herzog

Das Gesundheitssystem, wie wir es heute kennen, stützt sich in vielerlei Hinsicht auf ein veraltetes Verständnis von „Normalität“. Es basiert auf einem Stereotyp, das oft junge, cis-männliche, neurotypische, weiße, normalgewichtige und heterosexuelle Personen als Standard ansieht, um nur einige Diversitätsbereiche aufzuzeigen.

Diversitätsmedizin – Warum und Wofür?

Diese eingeschränkte Perspektive hat tiefgreifende Auswirkungen auf nahezu alle medizinischen Aspekte – und verhindert eine optimale und gerechte Gesundheitsversorgung.

„Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit, das Gesundheitssystem inklusiver zu gestalten, stehen wir vor zahlreichen Hürden“

Aber was genau ist Diversitätsmedizin?

Unsere bisherige Arbeitsdefinition für diesen neuen Fachbereich ist folgende:
Diversitätsmedizin steht für einen kontextbewussten Ansatz innerhalb der Medizin, der sich darauf konzentriert, in Forschung, Lehre und klinischer Praxis zu erkennen, welche Faktoren in einem gegebenen Kontext für eine optimale und gerechte Gesundheitsversorgung entscheidend sind und wie diese effektiv angegangen werden können.

Dieser Ansatz beinhaltet die Anerkennung und Einbeziehung der Vielfalt individueller und gruppenbezogener Merkmale der Patient:innen. Hierbei betrachtet die Diversitätsmedizin diverse, individuelle Charakteristika wie Geschlecht, Alter, sozioökonomischen Status, Betreuungs- und Pflegeverantwortung, sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft und Nationalität, religiöse Überzeugungen und Weltanschauungen sowie körperliche und geistige Fähigkeiten.

Diese Faktoren können in allen Bereichen der medizinischen Betreuung – von der Epidemiologie und Prävention über Diagnostik und Therapie bis hin zur Rehabilitation – einen Kontext liefern. Das übergeordnete Ziel der Diversitätsmedizin ist es daher, jedem Menschen einen gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, gezielte und angemessene Behandlungsstrategien zu bieten und sowohl die Therapieadhärenz als auch das Bewusstsein für Gesundheit bei Patient:innen und deren Angehörigen zu fördern.

Moritz Roloff

Moritz Roloff | Gründer acadim – Akademie für Diversitäts- und Individualmedizin | LinkedIn | Foto: Maria Herzog

Hürden und Lösungsansätze

Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit, das Gesundheitssystem inklusiver zu gestalten, stehen wir vor zahlreichen Hürden. Erst seit dem Sommer 2023 gibt es in Deutschland nur eine einzige Professur für Diversitätsmedizin an der Universität Bochum, ebenso einstellig sind Professuren für geschlechtersensible Medizin, inklusive Medizin oder Professuren in weiteren diversitätsmedizinischen Domänen.
Diese akademische Unterrepräsentation spiegelt sich auch in der praktischen Umsetzung wider. Frauen, nicht-binäre, trans*- und inter*-Menschen sind in klinischen Studien deutlich unterrepräsentiert, was zu einem Mangel an spezifischem Wissen über deren Gesundheitsbedürfnisse führt. Männer wiederum erfahren unter anderem bei psychiatrischen Diagnosen eine Stigmatisierung. Hauterkrankungen zeigen je nach Hautfarbe unterschiedliche Symptome, ein Umstand, der in der medizinischen Ausbildung oft unberücksichtigt bleibt. Menschen mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Fähigkeiten werden im aktuellen System vernachlässigt, zurückgelassen und überfordert.

Die Lösung dieser Probleme erfordert einen multidimensionalen Ansatz, der sowohl die Ausbildung von Gesundheitsfachpersonal als auch die Forschung und klinische Praxis umfasst. Ebenso ist es unumgänglich, Betroffene und Angehörige in die Entscheidungs- und Umgestaltungsprozesse miteinzubeziehen. Eine paternalistische Herangehensweise, wie sie viele Jahre beibehalten wurde, ist nicht mehr zeitgemäß und würde ein interdisziplinäres und offenes Zusammenarbeiten erschweren.

Start-up acadim

Eine innovative Antwort auf die drängenden Fragen der Diversitätsmedizin bietet unser Start-up acadim – Die Akademie für Diversitäts- und Individualmedizin. Initiiert von uns, den Medizinstudierenden Moritz Roloff und Sebastian Paschen, aus Greifswald, zielt es – in Zusammenarbeit mit dem Institut für Diversitätsmedizin in Bochum – darauf ab, die Lücke in der medizinischen Aus- und Weiterbildung zu schließen. Darüber hinaus sollen auch Betroffene und deren Angehörige durch leicht zugängliche Informationen aufgeklärt und in ihrem Gesundheitsbewusstsein gestärkt werden.

Weiterhin baut acadim ein deutschlandweites Netzwerk aus Expert:innen und Betroffenen sowie Angehörigen auf, um gemeinsam fokussiert an der Entwicklung von Definitionen, Informationen und Fortbildungen zu arbeiten. Ein interdisziplinärer, offener und vielfältiger Austausch bildet das Fundament für die Verbesserung unseres Gesundheitssystems.

Denn in der Vielfalt liegt unsere Stärke.

Unsere Gründungspartner

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