24.10.2023

Atmet nur 2 Prozent Europas gute Luft?

Schlechte Luft scheint es überall in Europa zu geben: Laut einer Recherche atmen 98 Prozent der Europäer:innen mehr Feinstaub ein, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grenzwert vorgegeben hat. Wie hoch und gefährlich ist die Luftverschmutzung?

Die Deutsche Welle (DW) hat gemeinsam mit dem European Data Journalism Network Satellitendaten des europäischen Copernicus Atmospheric Monitoring Service (CAMS) für das Jahr 2022 analysiert und ermittelt, dass die Feinstaubkonzentration europaweit über dem WHO-Grenzwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) liegt. Die beste Luft atmet man vor allem in vielen Regionen Skandinaviens und Islands.

Zu bemerken ist jedoch, dass die Luftqualität in Europa vielerorts immer noch besser ist als in anderen Regionen der Welt. Dieser Vergleich kann indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass Feinstaub bereits in dieser Konzentration einen Einfluss auf die Gesundheit und damit auch die nationalen Gesundheitssysteme sowie die Volkswirtschaften haben kann.

Schlechte Luft mit Folgen für Gesundheit …

Durch ihre besondere Lage in Tälern sahen sich viele norditalienische Städte im Frühjahr dieses Jahres einem akuten Smogproblem ausgesetzt. Mit Feinstaubwerten von 75 µg/m³ in Mailand – nach CAMS-Angaben – war diese europäische Großstadt wie viele andere Ballungszentren sehr stark betroffen, überdurchschnittlich stärker als sonst. Eine Studie aus dem Jahre 2021, die auf Werten aus dem Jahr 2015 basiert, kommt zur Schätzung, dass zehn Prozent der Todesfälle bei 10 µg weniger Feinstaub pro m³ hätten vermieden werden können. Jährlich sterben geschätzt etwa 300.000 Europäer:innen verfrüht an den Folgen von Gesundheitsschäden durch Luftverschmutzung. Hochgerechnet auf das ganze Jahr hätten alle europäischen Großstädte nur durch eine Reduktion um jene 10 µg Feinstaub pro m³ 100.000 umweltbedingte vorzeitige Todesfälle vermeiden können.

Die Tücke mit gesundheitsschädlichen Schadstoffen wie Feinstaub und anderen luftverschmutzenden Abgasen ist es, dass diese unsichtbar sind. Neben scheinbar leichten Folgen wie Augenirritation hat Luftverschmutzung aber systemische Folgen:

So gibt es nicht nur eine offensichtliche Mehrbelastung der Lungen, sondern auch Milz und Leber sowie Organsysteme wie das Herzkreislaufsystem und Reproduktionsorgane werden belastet, wenn sie Feinstaub und klimaschädlichen Gasen chronisch ausgesetzt sind. In der Folge müssen die Menschen wegen Folgeerkrankungen behandelt werden, was die Krankenkassen wirtschaftlich belastet und auch dafür sorgt, dass es zu gesundheitsbedingten Arbeitsausfällen kommt.

… und das Allgemeinwesen

Nach Berechnung des Umweltbundesamtes (UBA) verursachen allein die Treibhausgasemissionen Deutschlands 2016 einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von 164 Milliarden Euro. Jede Kilowattstunde (kWh) aus Braunkohlestrom erzeugte Energie ist den Berechnungen zufolge mit Umweltschadenkosten in Höhe von rund 21 Cent zu beziffern. Ein Kilogramm Feinstaub aus dem Verkehrssektor schlägt laut Berechnung mit etwa 60 Euro zu Buche. Sogar nach konservativeren Berechnungen des Recherchenetzwerks CORRECTIVs liegt der Verlust für die Wirtschaft bei 60 Milliarden Euro. Obwohl die Ergebnisse stark voneinander abweichen, lassen sich volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe beobachten. Dabei werden industrielle Schwergewichte wie RWE und Thyssenkrupp, die unsere Luft zum Atmen besonders belasten, an den Kosten ungleich beteiligt.

Zur Entlastung der Bürger:innen und in der Folge auch des Personals in Praxen und Krankenhäusern schlug das Europäische Parlament (EP) im September dieses Jahres mehrheitlich vor, strengere Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid festzulegen. Das EP einigte sich auf eine Herabsetzung des Grenzwerts für Feinstaub auf 10 µg/m³, der EP-Umweltausschuss schlug sogar eine stärkere Senkung auf 5 µg/m³ vor. Nun liegt der Ball bei der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten. Ein strengerer Grenzwert und eine ernste Bemühung um bessere Luft hätten viele gute Folgen – für die Staatskasse, die Umwelt und nicht zuletzt die Gesundheit.

Weiterführende Literatur:

  • European Environment Agency (EEA) (2023) Air pollution: how it affects our health. Abgerufen von: LINK

  • Schuinski, R.M. (2023) Luftverschmutzung: Europas dreckigste Städte. Deutsche Welle. Abgerufen von: LINK

  • Steeger, G. (2023) So viel kostet die Luftverschmutzung Deutschland. CORRECTIV. Abgerufen von: LINK

  • Umweltbundesamt (2018) Hohe Kosten durch unterlassenen Umweltschutz. Abgerufen von: LINK

Interesse geweckt?

In unserem Magazin findest du weitere, spannende Artikel!

Unsere Gründungspartner

Consent Management Platform von Real Cookie Banner