09.08.2023

Antibiotikaresistenzen: Superbugs auf dem Vormarsch

Es gibt eine Vielzahl von Herausforderungen im Gesundheitssystemen, die uns bereits heute Kopfzerbrechen bereiten, aber künftig eine noch viel zentralere Rolle spielen werden. Darunter fallen auch sogenannte Superbugs, also multiresistente Bakterien, gegen die eine Vielzahl von Antibiotika nicht mehr wirken.

Eine wahrscheinliche „Top“-Todesursache 2050: Antibiotikaresistenzen

Jährlich erkranken in Deutschland geschätzt 50.000 Menschen an Infektionen, verursacht durch antibiotikaresistenten Bakterien, etwa 2.500 Menschen überleben diese Infektion nicht. Weltweit liegt die Zahl von dadurch verursachten Sterbefällen bei fast fünf Millionen. Mehr als eine Millionen Menschen sterben demnach ursächlich an der Infektion mit dieser Form der Bakterien. Laut einem Bericht aus dem Jahre 2014 schätzt ein Forschendenpanel die Zahl der an Antibiotikaresistenzen verursachten Tode bis 2050 auf 10 Millionen Fälle. Das von Jim O’Neill geleitet und von Ex-UK-Premierminister David Cameron eingesetzte Panel erregte damals großes Aufsehen.

Doch werden in etwa drei Jahrzehnte in etwa so viele Menschen an den Folgne von Resistenzen sterben wie an Krebs – oder gar mehr? Die hohen prognostizierten Fallzahlen sind das Ergebnis von Szenarien, in denen die biomedizinische Forschung bis in die frühen 2030er-Jahre keine Durchbrüche bei neuen Antibiotikaklassen erzielen würde. Demnach würden sogar mehr menschen an Infektionen durch antibiotikaresistente Bakterien sterben als an Krebs! Die Bakterien E. Coli und S. aurues zeigen in der Tat bedenkliche Ausmaße an Resistenzen und sind beide im Jahre 2019 diejenigen Erreger mit Resistenzen gewesen, an denen Menschen letztlich starben. Das liegt an den im Allgemeinen hohen Infektionszahlen mit den beiden Erregern. Neben S. aurues sind es fünf weitere bakterielle Erreger, die das Akronym „ESKAPE“ bilden und sechs häufig auftretende multiresistente Keime in Krankenhäusern darstellen. Wenngleich die Fallzahlen nicht so hoch ausfallen sollten wie im Bericht angenommen, ist eine Zunahme an Todesfällen leider wahrscheinlich. Sie könnte aber um einiges niedriger ausfallen, solange weiter an neuen Antibiotikaklassen geforscht und bestehende Antibiotika mit Bedacht verschrieben werden.

In der Grafik wird die Entdeckung neuer Antibiotikaklassen dargestellt. Trotz ausbleibender Neunentdeckungen wurden auch nach 1990 noch Antibiotika zur Behandlung zugelassen.

Resistenzen lassen sich nicht gänzlich verhindern, aber verlangsamen

Tatsächlich wären viele Infektionen, an denen Menschen heute sterben, potentiell noch heilbar gewesen, wenn sich keine Resistenzen gebildet hätten. Das bedeutet, dass ein gezielter und „sparsamer“ Einsatz von Antibiotika dafür sorgen kann, den Trend abzumildern.

Da es heute und künftig tätige Ärzt:innen sind, die Antibiotika verschreiben können, ist es wichtig das Augenmerk darauf zu legen, dass diese Antibiotika verantwortungsvoll einsetzen – die englische Begrifflichkeit des antibiotic stewardship (ABS) etabliert sich auch zunehmend in der deutschen Wissenschaftskommunikation. Durch die Verbesserung von Wissen zur Antibiotikanutzung werden Ärzt:innen zu stewards, also zu verantwortungsvolleren stewards, also Begleiter:innen. In verschiedenen wissenschaftlichen Studien berichten Forscher:innen, dass fast alle Medizinstudierenden (92 Prozent von 317 Personen in einer Studie) ABS zwar als wichtig ansehen würden, aber lediglich 15 Prozent dieser Studienteilnehmenden ABS in ihren Lehrplänen vermittelt bekommen hätten.

Wie entstehen Resistenzen?

Mikroorganismen besitzen die Fähigkeit, sich vor für sie schädlichen Substanzen zu schützen. Wird ein Antibiotikum eingesetzt, werden einige Bakterien abgetötet, wohingegen resistente überleben – das nennt sich Selektionsdruck. Die resistenten Stämme vermehren sich, (- vereinfacht darstellt, in Realität ist der Prozess deutlich komplexer). Übermäßiger Antibiotikaeinsatz kann vermehrte Resistenzen fördern.

 

Da die Zahl neuentdeckter Klassen von Antibiotika aber seit den 1950er Jahren stetig abnahm und in den vergangenen 30 Jahren keine neuen hinzukamen, sollten Reserveantibiotika – sie zeichnet ihre strenge Indikation aus – nur in äußersten Fällen verwendet werden. Generell sollten Antibiotika so sparsam wie möglich angewandt werden. Neue Hoffnung weckt die Forschung an Bakteriophagen: Das sind Viren, die Bakterien unschädlich machen können. Noch wenden erst wenige Staaten diese medizinische an, doch wird diesen Viren das Potential zugerechnet, gegen die Behandlungslücke, die Resistenzen schufen und schaffen, anarbeiten zu können. In Georgien werden Bakteriophagen schon sehr lange eingesetzt, in Deutschland seit einer Weile ebenfalls.

Was sind Reserveantibiotika?

Als Reserveantibiotika werden spezielle Antibiotika bezeichnet, die nur bei Infektionen mit resistenten Erregern angewendet werden.

 

tl;dr – In Kürze:

  • Die Zahl der Antibiotikaresistenzen nimmt weiterhin zu.
  • Seit Jahrzehnten wurden keine neuen Antibiotikaklassen entdeckt.
  • Der Einsatz von Antibiotika muss gezielter stattfinden und Wissen an Medizinstudierende stärker vermittelt werden.

 

Dieser Artikel wurde am 24.08.2023 aktualisiert. Wir danken Dr. Irit Nachtigall für den wichtigen Leser:innenbrief. 

 

Weiterführende Literatur:

  • Abbo, L. M., Cosgrove, S. E., Pottinger, P. S., Pereyra, M., Sinkowitz-Cochran, R., Srinivasan, A., Webb, D. J. and Hooton, T. M. (2013) Medical students’ perceptions and knowledge about antimicrobial stewardship: How are we educating our future prescribers? Clinical Infectious. Abgerufen von: LINK

  • Efthymiou, P., Gkentzi, D. and Dimitriou, G. (2020) Knowledge, Attitudes and Perceptions of Medical Students on Antimicrobial Stewardship. Antibiotics (Basel). Abgerufen von: LINK

  • Neubeiser, A., Bonsignore, M., Tafelski, S., Alefelder, C., Schwegmann, K., Rüden, H., Leffers, C., Nachtigall, I. (2020) Mortality attributable to hospital acquired infections with multidrug-resistant bacteria in a large group of German hospitals. The Journal of Infection and Public Health. Abgerufen von: LINK

  • ReAct (2021) Few antibiotics under development. Abgerufen von: LINK

  • Thompson, T. (2022) The staggering death toll of drug-resistant bacteria. Abgerufen von: LINK

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